magazin-03-2014_druck - page 6-7

6
unterwegs
„Es muss kuschelig sein, warm, gemüt­
lich und mit viel Beinfreiheit“, schwärmt
Matthias Bick und verweist auf rote
Plüschsessel, Stuckdecke und klassi­
sche Wandleuchten, die den Kinosaal in
sanftes Licht tauchen. Hier in der Keim­
zelle des 1929 eröffneten Herzberger
Lichtspieltheaters hat sich auf den ersten
Blick nicht viel verändert. Der historische
Balkon ist erhalten und auch die mächti­
gen Vorhänge vor der Leinwand lassen
Filmklassiker vor dem geistigen Auge
wach werden. Doch unter Stuck und
Plüsch verbirgt sich modernste Technik.
Egal ob Akustik, Projektionswand, Ton
oder Bild – hier bleibt dem Cine­asten so­
wohl beim Blockbuster als auch beim Au­
torenkino kein Genuss versagt: „Wir sind
eines der modernsten Kinos in Deutsch­
land“, sagt der gelernte Sparkassenkauf­
mann, ohne mit der Wimper zu zucken.
100000 -Euro -Technik
Was er meint, wird erst augenscheinlich,
wenn er die volldigitale Vorführmaschine
anwirft: Die Bilder werden plastisch greif­
bar, die passenden Geräusche wirbeln
von allen Seiten durch den Raum. 3D-
Technik und der Dolby Digital
Sound sind dafür verantwort­
lich. 100000 Euro allein pro
Vorführraum – drei sind es
inzwischen – musste Bick
berappen. Die alten Türme
und Projektoren für die mecha­
nische Wiedergabe von 35mm-
Filmen hat er sich dennoch erhalten
und kommen auch ab und zu wieder zum
Einsatz.
Wie schafft ein kleines Haus im Südharz
mit einem Giganten wie Cinemaxx Göt­
tingen vor der Haustür diese Investitio­
nen? „Wir Kleinen machen immerhin rund
30 Prozent des Umsatzes in Deutsch­
land, weil wir mit Qualität, Sauberkeit und
nach dem Motto: „Auf dem Potsdamer
Platz einen roten Teppich auslegen ist
einfach. Wir müssen schon etwas kreati­
ver sein.“
Eichsfelder mit „Kino-Virus“
Ständig auf der Suche nach neuen Pro­
grammideen und vor allem immer mit
Technik und Ausstattung auf dem Lau­
fenden – das treibt auch Roy Kleinecke
um, Chef der Eichsfelder Kinos. Kein
Wunder, ist er doch bei Bick in die Lehre
gegangen und ebenso wie er mit dem
„Kino-Virus“ infiziert. „Davon kommt man
nicht mehr los“, sagt er selbst und hat sich
mit der Übernahme des Filmtheaters in
Worbis 2010 nach Stationen in anderen
deutschen Städten einen langgehegten
Was die letzten kleinen Kinos
in der Region auszeichnet
Kintopp mit
Dolby und 3D
Sie gingen aus den Schaubuden der Theaterleute her­
vor, nannten sich Panoptikum oder Kintopp und waren
die Attraktionen auf den Jahrmärkten: die ersten Ki­
nos. Als die Bilder Ende des 19. Jahrhunderts laufen
lernten, zitterten sich die Figuren abgehackt und
stumm über die ersten Leinwände. Ein Filmerklärer
kommentierte die Handlungen, Pianospieler oder Gei­
ger sorgten für die dramatische Untermalung. Nach
über 130 Jahren Kinogeschichte sind wir weit von den
Anfängen entfernt. Die digitale Welt hat sich etabliert.
Allem Hightech zum Trotz haben einige regionale Häu­
ser ihre ursprüngliche Atmosphäre bewahrt.
cken Filmgenuss mit Nudelbuffet, Fanta­
sy- und Ladies Night oder Seniorenkino,
fehlt es nicht an der passenden Deko und
begrüßt das Serviceteam im thematisch
abgestimmten Outfit.
Bezahlbares Kino
„Kino zum Anfassen“ ist das Motto des
Nordthüringers, der bei allem Aufwand
und dem Bemühen um die aktuellsten
Streifen kein Luxusprodukt anbieten will:
„Kino muss bezahlbar bleiben und auch
für die ganze Familie erschwinglich sein.“
Auch deshalb hat er sich, ebenso wie sein
Lehrherr in Herzberg, von ausschließlich
überdimensionierten Trinkflaschen und
Jumbobechern Popcorn verabschiedet.
In Duderstadt hat der Gast die Wahl, ob
klein oder groß. 45000 bis 48000 Besu­
cher haben es ihm bisher jährlich gedankt.
„Und es werden bald mehr sein“, ver­
spricht der leidenschaftliche Tänzer und
Klavierspieler, ohne alles zu verraten. Nur
so viel: Es wird bald schon einen dritten,
besonders feinen Saal mit nur 60 Sitzen
geben. Fest davon überzeugt, dass im
Kleinen mehr machbar ist und die Zu­
kunft des Kinos im Eventcharakter mit
dem besonderen Service liegt. Ob dann
irgendwann der erträumte weiße Schel­
lackflügel Einzug im Foyer hält, steht al­
lerdings noch in den Sternen.
Als Filmkulisse ist der Harz mit seinen historischen Bauten, Bergwerkstollen, Höhlen
und bizarren Landschaften beliebt. Erst im vergangenen Jahr drehte die Crew um
George Clooney im Bergwerk Rammelsberg, im Ottiliae-Schacht in Clausthal-Zeller­
feld, in der Grube Hilfe Gottes in Bad Grund sowie in Osterwieck. Die Breite Straße in
der Altstadt Goslars verwandelte sich für die Dreharbeiten zu „The Monuments Men“
in ein belgisches Dorf der 40er-Jahre.
Zuvor war die Kaiserstadt schon Drehort für „Baltic Storm“ mit Jürgen Prochnow und
Donald Sutherland oder „Das Wunder von Lengede“ mit Jan Josef Liefers, Heike Ma­
katsch und Heino Ferch. Auch zwei „Sieben Zwerge“-Filme mit Otto Waalkes, Helge
Schneider und Nina Hagen sowie der TV-Film „Die Sturmflut“ mit Nadja Uhl, Benno
Fürmann und Heiner Lauterbach entstanden zum Teil in Goslar.
„Die Könige der Nutzholzgewinnung“ drehte Regisseur Matthias Keilich in Tanne. An
der Seite von Hauptdarsteller Bjarne Mädel wirkten Bewohner des Dorfs, Mitglieder
des Harzclubs und des Blankenburger Country-Clubs als Komparsen mit. Außerdem
dienten unter anderem die Einhornhöhle in Scharzfeld („Tom Sawyer“) und der Galgen­
berg bei Elbingerode/Harz („Der Medicus“) schon als Kulisse.
Kulisse mit Höhle, Wald und Klippe
Wunsch erfüllt. Sein „eigenes Baby“ hat er
binnen zwei Wochen zu einer wahren Per­
le aufgemöbelt. Auch bei der Digitalisie­
rung war der ehemalige KinoKlub 2011
mit bei den ersten und lockt seither rund
30000 Filmfreaks im Jahr an.
Guter Sound, Technik vom Feinsten und
die brandneusten Streifen allein sind für
den Jungunternehmer aber nicht das
Maß aller Dinge: „Wir wollen mehr sein als
eine Filmabspielstätte“, feilt er an beson­
deren Angeboten, die Kino zum exklusi­
ven Gemeinschaftserlebnis machen. Was
in dem (noch) einzigen Worbiser Saal
schnell an die Grenzen des Machbaren
stößt, trifft in der Feilenfabrik Duderstadt
auf ein ideales Ambiente. Erst recht, seit­
dem Kleinecke 2012 neben den beiden
volldigitalisierten Sälen mit 274 Plätzen
auch die angegliederte Gastronomie un­
ter seine Fittiche genommen hat. Da lo­
günstigen Preisen punkten“, kommt die
prompte Antwort. Zudem zähle für viele
Leute das gemeinsame Erlebnis in ver­
trauter Umgebung heute mehr als anony­
me Riesenhäuser. Die Zahlen geben ihm
recht: Rund 90000 Besucher füllen jähr­
lich die 350 Sitzplätze in den drei Herz­
berger Sälen. Und das trotz der großen
Konkurrenz durch leistungsstarke Heim­
kinotechnik und billige Internet-Down­
load-Angebote.
Und obwohl daneben wenig Zeit bleibt,
treibt es den zweifachen Familienvater
immer wieder dorthin zurück, wo
alles für ihn schon als Kind
begann: in den jetzt eige­
nen Vorführraum, an die
Kasse oder hinter die
Theke. Und nur bei einer
nächtlichen Preview kann
er in aller Ruhe die neuen
Filme sichten und genießen.
Wobei dann gleich wieder neue
Pläne für sein Kino reifen. Etwa der Bau
des vierten, noch spezielleren Saales, mit
dem er die 100000-Besucher-Marke
knacken will, oder der neue Gastrono­
miebereich im Anbau. Die Premierenfei­
ern und zahlreichen Kinonächte und
-events oder Operngalas brauchen
schließlich einen gebührenden Rahmen,
damit das Publikum treu bleibt und das
Interesse neuer Gäste geweckt wird. Frei
Matthias Bick an den alten Filmrollen
Roy Kleinecke an einem alten Vorführgerät in
der Feilenfabrik
1,2-3,4-5 8-9,10-11,12-13,14-15,16
Powered by FlippingBook